Presse und Verlautbarungen

„Die Branche wird ihre Struktur verändern“ DRUCK & MEDIEN 2005

05.01.2006

„Die Branche wird ihre Struktur verändern“

Michael Dömer  ist Unternehmensberater der Druck- und Medienbranche und Gründer der EWA, European Web Association, zu der die überwiegende Anzahl der Rollenoffsetunternehmer in Deutschland gehört. Andrea Bötel sprach mit ihm über die aktuelle und zukünftige Lage in der Branche.

Was sind Ihrer Meinung nach die brennenden Themen der Branche?

Oberste Priorität ist es  für den Unternehmenslenker jetzt, ein klares Konzept zu entwickeln und umgehend mit der Umsetzung zu beginnen, welchen Stellenwert sein Betrieb mittel- und langfristig in einer veränderten Branchenstruktur haben wird. Kostenmanagement, Prozessoptimierung und Automatisierung sind und bleiben dabei Daueraufgaben in der Unternehmensführung. Im Verkauf erwartet der Markt heute eine andere Organisation und insbesondere eine bessere Qualifikation der Verkäufer. Der Beratungsaspekt ist stärker gefragt als je zuvor, dazu ist hohes technisches Know-How gefordert. In den Bereichen Farbe, Papier, Veredlung sind viele nicht  immer „up to date“.

Wie verändern sich die Strukturen  unserer Branche?

Es findet eine schnell zunehmende Konzentration von Unternehmen statt. In spätestens fünf bis zehn Jahren wird die Branche völlig anders aussehen. Wer heute in seiner mittelständischen Struktur in austauschbaren Märkten davon ausgeht, dass er auch weiterhin ausharren kann, gerät früher oder später in eine Defensive.

Was können die Unternehmer tun?

Im Rollenoffsetbereich gibt es einige Betriebe, die sich derzeit exzellent auf diese Zukunft vorbereiten. Sie lassen die anderen zunehmend hinter sich. Eine Richtung heißt: konsequente Wachstumsstrategie. Man muss sich auf die Fahne schreiben, innerhalb der Branche und seinem Segment zu den „Top five“ zu gehören. Entweder durch eine entsprechende Investitionspolitik am Standort oder durch den Zukauf von Unternehmen. Der zweite Weg ist, sich gesellschaftsrechtlich mit anderen Unter- nehmen zu verflechten. Statt in einer Region mehrmals eine 72-Seiten Rotation aufzustellen, gibt es die Möglichkeit der Fusion. Doch hier haben viele ein emotionales verständliches Problem, denn viele Unternehmerfamilien können sich nicht damit abfinden, ihren Einfluss teilen zu müssen.

Wie erklären Sie es sich, dass es auch heute Rollenoffsetbetriebe mit einer auskömmlichen Rendite gibt, während ein anderer großer Teil klagt oder gar in der Krise ist?

Es gibt tatsächlich im gleichen Marktsegment große Unterschiede und auch im Verdrängungswettbewerb Unternehmen, die mit ihren Renditen zufrieden sein können. Ich begleite einige dieser erfolgreichen Unternehmen seit geraumer Zeit. Sie haben auch in wirtschaftlich sehr guten Zeiten ein striktes Kostenmanagement betrieben und kontinuierlich Prozesse optimiert und neben der Sicherung des Eigenkapitals frühzeitig auf Wachstum gesetzt.

Dazu gehört übrigens auch eine konsequente Personalpolitik von individueller Lohngestaltung über Qualifizierungsprogramme bis zum harten Abfordern von Leistung. Erfolg war und ist eine Frage der konsequenten Unternehmensführung. Dennoch: das Preisgemetzel hinterlässt bei allen tiefe Narben und lebensgefährliche Verletzungen.

Stirbt der Mittelstand?

Ich bin vehementer Verfechter für den Mittelstand. Die von mir beschriebenen erfolgreichen Druckbetriebe haben in der Regel eine sehr starke Unternehmerpersönlichkeit an der Spitze, die ihr Führungsteam zwar einbindet, aber eine konsequente Richtlinienkompetenz wahrnimmt. Bei Wachstumsstrategien, bei Fusionen und Übernahmen sollte unbedingt die mittelständische Struktur erhalten bleiben. Ich würde in der Regel die Schlagkräftigkeit des einzelnen Unternehmens in der Gruppe aufrecht erhalten und nicht den Fehler vieler Konzerne machen, die in Unbeweglichkeit erstarren. Ich befürchte aber, dass es vorübergehend einen Rückgang von mittelständischen Strukturen gibt, verstärkt durch die schlechte ordnungspolitische Rahmenbedingung für den Mittelstand in Deutschland.

Wie sehen Sie die Equiti Groups, die Druckereien aufkaufen und wo zweifellos der mittelständische Aspekt fehlt?

Bei jeder Gelegenheit appelliere ich an die Rollenunternehmer selbst aktiv zu werden, um „Herr des

Verfahrens“ bei zukünftigen neuen Strukturen zu bleiben. Nur einige wenige sind aktiv. Nun kommt das von außen und wird zur Bedrohung für die Eigenständigkeit des Mittelstandes. Ebenso fordere ich seit langem, größere Einkaufsorganisationen zu bilden, wie es in anderen Branchen üblich ist. Auch hier wird die Branche in Zukunft von den Realitäten überholt werden.

Die Anfänge der Equiti Groups haben hoffentlich den Vorteil, dass nun dadurch eigenständige Unternehmer herausgefordert werden, schneller industrieller und vor allem konsequenter an ihren Strukturen zu arbeiten.

Sollten Ihrer Meinung nach Equitigroups verhindert werden?

Ja, durch erfolgreiche mittelständische Unternehmen, die selbst neue Strukturen schaffen. Equiti Groups haben nicht den langfristigen Erhalt eines Unternehmens zum Ziel. Sie sind aber in der Lage, die mittelständische Struktur einer ganzen Branche zu zerstören. Aktuelle Beispiele im Rollenoffset zeigen, dass die, die vor kurzem nicht mehr kreditversichert waren, plötzlich für eine Million gut sind. So verschwinden nicht die Kaputten vom Markt, was zu einer Kapazitätsbereinigung führen könnte. Stattdessen werden heute noch Gesunde in Bedrängnis gebracht.

Auch für die Printbuyer ist dieser Trend langfristig nicht von Vorteil, denn Innovation und Flexibilität bekommen sie vom Mittelstand mehr als bei Oligopolen.

Sie beraten auch erfolgreich Bogenoffsetunternehmen. Wie sieht die Situation hier aus?

Auch der Bogenoffsetdruck befindet sich in einer Umstrukturierung, was Sie auch an der hohen Anzahl der Insolvenzen feststellen. Im Bogenoffset gelten auch die dringenden Notwendigkeiten von mehr Kosten- und Prozessoptimierung sowie die Stärkung der Verkaufsteams.

Der Druck ist hoch. Fehlt der Branche ein starkes Selbstbewusstsein?

Ein klares Ja. Das Selbstbewusstsein der Unternehmer auch im Umgang mit Kunden ist stark geschwächt. Viele verwechseln Kundenorientierung mit Unterwürfigkeit. Je unterwürfiger jemand auftritt, desto mehr wird er getreten. Dabei brauchen Kunden Partner, die auf gleicher Augenhöhe mit ihnen „kämpfen“. Die Branche ist exzellent; geht aber in Sack und Asche. Ich vermisse mehr Netzwerke auch mit den Lieferanten. Viele begreifen nicht, dass sie in einem Boot mit der Druckindustrie sitzen und gemeinsames Handeln nötig wäre.

Ist dies die Ursache für den starken Zulauf, den die EWA verzeichnet?

Wir haben ständig neue Eintritte. In diesem Jahr sind es wieder drei Unternehmer, insgesamt sind hier fast 50 Rollendruckereien vertreten. Damit bilden wir über 70 Prozent der deutschen Rollenkapazität ab, eine tolle Gemeinschaft von Unternehmern, die dennoch im Wettbewerb stehen. Die EWA steht erst am Beginn ihrer Möglichkeiten. Diese Form der Organisation und Inhalte wird die klassische Verbandsstruktur ablösen. Wir brauchen starke Interessen-Organisationen. Die EWA ist unternehmerisch strukturiert. Wir sehen uns nicht als Wettbewerb zum Verband sondern als Ergänzung und hoffen langfristig auf mehr Zusammenarbeit mit reformierten Verbänden zum Wohle der Branche.

Ein komplexes Feld, das Sie von den Unternehmern fordern. Ist das heutige Management überfordert?

Komplex ja, aber nicht schwer. Die Lösung liegt in der klaren Systematik und vor allem Konsequenz. Wer will, der schafft es. Erfolgreiche Beispiele machen mich optimistisch. Selbstbewusste Unternehmer sind mit ganz anderen Situationen fertig geworden. Die Branche hat Zukunft, es bedarf mehr Mut, zu weitreichender Kreativität und offensivem Pragmatismus sowie Entscheidungen, sie selbst zu gestalten.                                                              

Zitat:

„Wir werden leider eine Verdrängung des Mittelstandes und die Bildung von Oligopolen erleben. Langfristig aber werden die Großen zur strukturellen Unflexibilität neigen und vom Markt werden wieder die schnellen und flexiblen Powerboote verlangt. Ein neuer Zyklus wird beginnen.“

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