Presse und Verlautbarungen

„Immer mehr von Ihrer Klientel entfernt“

21.06.2007


DD: Herr Dömer, wie waren die ersten Reaktionen der EWA-Mitglieder auf den Tarifabschluss?

Michael Dömer: Unisono widersprechen alle der Zu­friedenheit des Verbandes mit diesem Abschluss, weil er mit der tatsächlichen Situation zumindest im Rollenoffset und Tiefdruck nicht annähernd etwas zu tun hat. Die Tarifparteien scheinen sich immer weiter von ihrer jeweiligen Klientel entfernt zu haben und vertreten nicht wirklich deren Interessen, so die Meinung. Ich  zitiere Mike Medweth, Geschäftsführer OZ Druck  (Rheinfelden)
“Für viele Betriebe, deren Ertragslage ja alles andere als gut ist, ist dieser Abschluss eine Katastrophe, da er sich wiederum nicht an der individuellen Situation des Unternehmens orientiert“ Dr. Thomas Schön, Geschäftsführender Gesellschafter Walcker Offsetdruck (Isny), ergänzt: „Es dürfte je­dem Kenner der Rollenoffset-Branche bewusst sein, dass der deutlich zu hohe Abschluss den weiteren Abbau von Arbeitsplätzen zumindest in den Betrie­ben beschleunigen wird, die noch tarifgebunden sind.“ Hintergrund der schlechten Bewertung ist die Tatsache, dass die Renditen im Rollenoffset weiter sehr schwach sind, was auch die neuerlichen großen Insolvenzen zeigen. „Die Unternehmen bemühen sich gerade, die erhöhten Kosten der letzten Jahre am Markt weiterzugeben und zudem die Zahlen zu verbessern, um die nötigen Investitionen zu stem­men, da ist dieser Abschluss ein herber Rück­schlag“, sagt Rüdiger Weißflog, Geschäftsführer der PVA in Landau.

Als Berater, der in den letzten Jahren stark mit der Restrukturierung von Unternehmen beschäftigt ist, kann ich das leidvoll bestätigen. Der aufkeimende Optimismus erhält einen Dämpfer, Besonders kri­tisch wird der hohe Lohn im Helferbereich gesehen. Eberhard Brockmann, GF Henke Druck, sagt dazu: „Weiter von der Realität entfernt sind die geringen Unterschiede zwischen Fach- und Hilfskräften, die mit dem Arbeitsmarkt nichts zu tun haben.

DD: Inwiefern tangiert der Abschluss die EWA-Mit­glieder überhaupt noch? Viele haben doch längst eigene Strukturen für die Lohn- und Gehaltsfest­legung in ihren Betrieben entwickelt.

Dömer: Das ist eine zentrale Frage auch für die Zu­kunft des Flächentarifvertrages. Der Trend zeigt, dass dieser in den letzten Zügen liegt. Indirekt hat der Abschluss natürlich oft auch Auswirkungen auf Unternehmen, die nicht tarifgebunden sind, da man­che Mitarbeiter verständlicherweise gerne auch „mehr in der Tasche“ haben möchten. Tatsächlich fühlen die meisten Unternehmen im Rollenoffset sich seit längerem nicht vertreten. Inner­halb der EWA sind nur noch ca. 20 Prozent tarifge­bunden. Daher zeigte die Reaktion in der EWA auch ein gemischtes Bild aus Unverständnis, Verärgerung auf der einen und Gelassenheit oder auch Resigna­tion auf der anderen Seite. Der Trend geht eindeutig zu unternehmensspezifischen Lösungen. „Der Tarif­konflikt interessiert bei uns keinen Menschen mehr, weder Belegschaft noch Unternehmer“, sagt zum Beispiel Joachim Glowalla (CW Niemeyer, Hameln).

DD: Während der Tarifauseinandersetzung wurden weit überwiegend Zeitungsbetriebe und auch einige Tiefdrucker bestreikt, Warum kaum Akzidenz-Rollenoffsetdrucker?

Dömer: Die meisten Unternehmer im Rollenoffset betreiben eine offene Informationspolitik, was die Mitarbeiter honorieren und nicht anfällig sind für „Störfeuer“ betriebsfremder Gruppen. Das wissen die Gewerkschaften. Ich denke, es kommt stark auf die Vernunft der Gewerkschaftsfunktionäre in den Regionen an. Da gibt es durchaus Lerneffekte, die zu einem positiveren Gewerkschaftsbild beitragen. Das erklärt auch, neben der niedrigen Tarifbindung beider Seiten, warum dort weniger gestreikt wurde.

 

DD: Gab beziehungsweise gibt es Kontakt zwischen der Arbeitgeber-Verhandlungskommission, in der ja auch Unternehmer aus dem Akzidenzdruck-Seg­ment sitzen, und der EWA?

Dömer: Zunächst: die EWA sieht sich nicht in einer Wettbewerbssituation zum BVDM. Die EWA wächst ständig, weil sie sich mit unternehmerischen Fragen und Marktthemen beschäftigt, die der Verband gar nicht so behandeln kann. Wir bemühen uns seit Jah­ren um mehr Kommunikation und Information an die Verbandsorganisationen über die tatsächliche Lage und Stimmung in diesem Branchensegment. Wir ha­ben bereits früher in Treffen und Schreiben an die Gremien versucht, in Tarifkonflikten Meinungen und Unterstützung zu geben. In bilateralen Gesprächen auf verschiedenen Landesebenen funktioniert das schon ganz gut.

In dieser Tarifrunde gab es keine Kontakte, auch weil von Seiten des Verbandes öffentlich kommuniziert wurde, dass jemand, der keine Verbandsbeiträge bezahle, auch kein Recht auf Einflussnahme und Stellungnahme habe. Unterstützt durch die EWA-Mitglieder mache ich mich persönlich aber weiterhin stark dafür, im Sinne des Wirtschaftszweiges zu­künftig mehr zu kooperieren.

 "Das Interview erschien in der Fachzeitschrift Deutscher Drucker, Ausgabe 20/2007 vom 21.06.07"

 

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